Die Geschichte „Kleider machen Leute“

Viele von uns kennen sicherlich noch die Novelle „Kleider machen Leute“ von Gottfried Keller. Für alle, die sie nicht kennen oder in lang verschollenem Deutsch-Unterricht-Wissen kramen müssen, hier eine ganz kurze Zusammenfassung:


„Es geht in der Geschichte um den jungen, armen und schüchternen Schneiderlehrling Wenzel Strapinski. Trotz seines niedrigen sozialen Status und seiner Armut achtet Wenzel sehr auf sein Äußeres und wird eines Tages aufgrund seiner schönen Kleider in dem Städtchen Goldbach für einen polnischen Grafen gehalten. Zuerst hat Wenzel ein schlechtes Gewissen, aber Hunger und Obdachlosigkeit bringen es zum Schweigen und er genießt eine Zeit lang alle Annehmlichkeiten, die ihm die armen Bürger von Goldbach bieten. Der vermeintliche Graf verliebt sich alsbald in die hübsche Tochter des hohen Amtsrats, „Nettchen“ und eine Verlobung wird gefeiert.
Natürlich fliegt der ganze Schwindel auf und Wenzel verlässt bitterarm und in Schande die Stadt. Es gibt trotzdem ein Happy End – denn Nettchen liebt ihren Wenzel auch als armen Schneider und folgt ihm. Am Ende wird doch noch geheiratet, und Wenzel mausert sich zu einem angesehenen Kaufmann. Er kann also alle Vorurteile und Standesvorgaben brechen.“
In dieser schönen und vor allem lehrreichen Novelle siegt die Liebe über Stand und Status!

Kellers Geschichte „Kleider machen Leute“ spielt um das Jahr 1830, können wir das nun auf heute übertragen? Aber sicher, mehr als jemals! Gerade heute spielt Kleidung eine große Rolle als Statussymbol. Neben den ganzen Autos, Handys und ähnlichem bietet Kleidung eine Möglichkeit uns nach außen hin zu präsentieren.

Das Statussymbol Kleidung lässt sich in 2 große Kategorien einteilen:

  • Differenzierung
  • Zuschreibung

Unter der „Statusdifferenzierung“ versteht man z.B. die sozialen Unterschiede, arm und reich, Gruppenzugehörigkeit zu elitären Vereinen oder Clubs oder auch politische Haltung. Hier wird deutlich gemacht, wer man ist und was man darstellt. Als Machtdemonstration kann Kleidung den Status einer Person sehr deutlich hervorheben, Könige, Würdenträger, respekteinflößende Richtertalare, selbst Stammeshäuptlinge differenzieren sich über ihr Äußeres.

Unter die „Zuschreibung“ fallen z.B. die Zugehörigkeiten zu bestimmten Berufsgruppen, oder auch Mannschaften und Verbänden. Einen Polizisten erkennt jeder aufgrund seiner Dienstkleidung, ebenso Ärzte oder auch Sportler eines bestimmten Teams. In diesem Fall ist die Bekleidung keine Abgrenzung des Einzelnen, sondern ein Zugehörigkeitsmerkmal zu einer bestimmten Gruppe. Und das trifft auch für jegliche Kulturkreise zu – wer erkennt nicht die orange-farbigen Kutten buddhistischer Mönche? Niemand würde es wagen sich so zu kleiden, wenn er nicht dazu gehört. Manch ein Hochstapler nutz diese Zugehörigkeits-Assoziation aber auch erfolgreich aus – immer wieder gibt es ja böse Schlagzeilen über Scharlatane als Ärzte oder angebliche Polizisten mit den Uniformen aus dem Kostümverleih.

Natürlich vermischen sich Differenzierung und Zuschreibung, man kann sich ja aufgrund seines sozialen Status von anderen abheben und trotzdem einer Gruppe zugehörig fühlen. Schwarz und weiß gibt es hier auch nicht.

Uns Menschen ist von jeher wichtig von anderen akzeptiert und respektiert zu werden. Das versuchen wir unter anderem mit unserer Kleidung zu erreichen. Wer den neuesten Trends folgt und immer up-to-date ist, wird als angesehenes Mitglied unserer Gesellschaft aufgenommen. Wer sich keine teuren Marken-Artikel leisten kann, kauft bei Billigketten, denn auch diese verfolgen ja die neuen Trends und kopieren Style und Aussehen teurer Marken und führender Designer.
Dieses Phänomen nennt man „Uniformierungstendenz“ – wir sprechen nicht von der Uniform im Sinne des Militärs oder der Schule, sondern von der Tendenz, dass sich die „unteren Schichten“ uniform zu den oberen kleiden wollen um im sozialen Umfeld besser angesehen zu sein. Das ist auch nicht erst seit gestern der Fall, sondern seit Jahrhunderten. Nur galt früher z.B. allein schon die Stoffqualität als Statussymbol, heute sind es Labels, Markenzeichen und Logos, die den Wert eines Kleidungsstückes darstellen.

Diese allgemeine Angleichung hat zur Folge, dass „von oben“ immer neue Moden kreiert, getragen und unter die Leute gebracht werden um sich wieder eine Zeit lang abzuheben. Das ist der Lauf der Zeit und der Wandel der Dinge. Heutzutage passiert das alles einfach schneller als früher, durch die Digitalisierung und schnelle Verbreitung gelangen die Trends viel schneller unter die Leute.

Warum aber versuchen wir denn mit aller Macht anderen hinterher zu laufen, anstatt unsere Kleidung nach unserer eigenen inneren Haltung auszuwählen. Kleidung ist der erste Weg zur Kommunikation mit unserer sozialen Umwelt und Mittel zur Selbstdarstellung.
Unser Ausdruck nach außen hin sollte doch ganz uns selbst repräsentieren, denn grundsätzlich spiegelt doch unsere Kleidung die Grundzüge unseres Charakters wider. Jemandem, der auf seinem Schreibtisch und in seinem Schrank keine Ordnung halten kann wird man das auch ansehen, jemand mit einer extrem ökologischen Weltanschauung wird immer als „Öko“ erkennbar sein und ein pedantischer Bankangestellter wird sicher nie im „unfinished Look“ herumlaufen.

Und das soll auch so sein und bleiben, denn jeder ist anders und darf sich auch so zeigen wie er ist! Ob da nun ein Logo 100fach auf der Tasche steht, ob ich es mir leisten kann das Gucci-Bling-Bling-Kleid zu kaufen oder nicht, es ist doch eigentlich egal.
Es war, ist und wird immer so sein, dass Menschen in ausgeschlossen oder in soziale Schubladen gesteckt werden, aufgrund der Kleidung oder ihres Aussehens.
Wir sollten zuerst darüber nachdenken, als über den Kauf des nächsten Statussymbols für unseren Kleiderschrank!

In jedem von uns steckt doch ein kleiner „Wenzel“ und wir brauchen auf der Welt viel mehr „Nettchen“, denen Aussehen und Klamotten egal sind, die auf die inneren Werte achten und Menschen so nehmen, wie sie sind.

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